_AUSSTELLUNGEN
Face to Face
Eine Ausstellung über das Gesicht als Spiegel der Identität in Zeiten seiner Manipulierbarkeit
Eröffnung: Samstag, 21. März 2026, 11 – 15 Uhr
Ausstellungsdauer: 23. März – Ende Juli 2026
Mit Tim Berresheim, Alexandra Bircken, André Butzer, Tine Furler, Caroline von Grone, Zandra Harms, Jeppe Hein, Johannes Hueppi, Leiko lkemura, Ulrich Lamsfuss, Julian Opie, Tobias Rehberger, Anys Reimann, Thomas Ruff, Volker Saul, Matthias Schaufler, Anja Schwörer, Katharina Sieverding, Annegret Soltau, Vincent Tavenne, Paloma Varga Weisz, Johannes Wohnseifer, Tobias Zielony
Gesichtsbewusstsein
Gedanken zur Entwicklung der facialen Gesellschaft anlässlich der Ausstellung Face to Face in Baden-Baden. Von Wolfgang Ullrich
Mit Porträtfotografien Geld zu verdienen ist in den letzten Jahren erheblich mühsamer geworden. Und das nicht nur, weil Zeitungen und Magazine weniger Aufträge vergeben oder dafür schlechter zahlen als früher, sondern erst recht, weil die Fotografierten öfter unzufrieden mit den Fotos sind. So wird es aus der Branche jedenfalls immer wieder berichtet. Diese Unzufriedenheit aber ist Folge davon, dass die meisten Menschen heute viel festere Vorstellungen von ihrem Aussehen haben als in vorangehenden Generationen. Vor allem seit dem Boom von Smartphones und Sozialen Medien sehen viele täglich Bilder von sich und machen zudem vielleicht Selfies. Dabei sind die Fotos oft schon dank der in die Kameras integrierten Programme geglättet, fein ausgeleuchtet oder auf andere Weise geschönt; mit wenigen Klicks lässt sich weiter nachhelfen, um noch schmeichelhaftere Ergebnisse zu erzielen. Daher hat man heute nicht nur ein genaues, sondern vielfach auch ein idealisiertes Bild von sich. Und entsprechend kann der ehrliche oder analytische Blick eines Profis, jedes nicht rasch mit einem Smartphone geknipste Porträtfoto zur Ernüchterung werden und eine Mängelrüge nach sich ziehen.
Selbstbewusstsein zu haben heißt mittlerweile also gerade auch, ein Bewusstsein vom eigenen Bild zu haben, ja speziell über Gesichtsbewusstsein zu verfügen. Und es heißt, selbst über das eigene Bild bestimmen zu wollen. Man ist nicht bereit, es fatalistisch hinzunehmen, wie man auf einem Foto aussieht; zugleich aber empfindet man Bildambitionen von Dritten – von Laien noch mehr als von Profis – häufig als übergriffig, als aggressiv. Viele wollen es sich nicht länger gefallen lassen, dass ihr Image von gar noch klischeehaft-einseitigen Fremdzuschreibungen geprägt wird.
Wer das Recht auf das eigene Bild schneller verletzt sieht als früher, hat aber vielleicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass Fotos mittlerweile unabsehbare Folgen haben können. Wurden Bilder, die auf Partys oder im Urlaub entstanden, früher bestenfalls in ein privates Fotoalbum geklebt, viel häufiger aber in einer Schublade deponiert, ja waren sie in jedem Fall wie aus der Welt und wurden oft nie wieder von jemandem gesehen, landen sie heute häufig auf einer Social Media-Plattform. Dort aber sind sie öffentlich zugänglich, können – auch noch Jahre später – von anderen kommentiert, in beliebige neue Kontexte gebracht, modifiziert und memifiziert werden – Shitstorms oder Peinlichkeiten nie ausgeschlossen.
Und damit nicht genug: Einmal online, dienen die Bilder auch als Trainingsstoff für KI-Programme, können also verändert – zombiehaft und unheimlich – wiederkehren. Außerdem werden sie von Gesichtserkennungsprogrammen gefunden und ausgewertet und fungieren ferner als Material für ‚Big Data’-Projekte. Damit liefern sie die Grundlage für statistische Berechnungen, oft mit dem Ziel, das Verhalten von Menschen vorhersehbar – planbar! – zu machen. Jedes gepostete Bild führt somit zu noch mehr Überwachung und Kontrolle. Und da jedes nicht gepostete Bild jederzeit doch noch gepostet werden könnte, ist erst recht keine Arglosigkeit mehr erlaubt.
So viel mehr Freiheit man in der Gestaltung und Variation des eigenen Bilds hat, so viel an individueller Freiheit büßt man zugleich also durch die Fortschritte von digitalen Techniken und Internet ein. Und in der Konsequenz von beidem wird es in manchen Milieus bereits zur Praxis, dass man sich und sein Aussehen für Bilder möglichst stark verfremdet, um idealerweise nicht wiedererkennbar zu sein.
Aber auch sonst spielen viele mit Formen der digitalen oder analogen Maskierung oder erklären das eigene Gesicht zum Malgrund, auf den sich diverse Formen von Make-Up auftragen lassen. Kaum etwas hat seit einigen Jahren so große Konjunktur wie Make-Up-Artists, die mit Tutorials und als Influencer zum Vorbild für Millionen werden. Dabei geht es keineswegs nur um Schönheitstipps oder aktuelle Schminkmoden, sondern oft auch darum, eine bestimmte Art des Schminkens als Protestästhetik einzusetzen. Gerade Minderheiten, sonst kaum sichtbar, können sich auf diese Weise, oft begleitet von einem Hashtag, online mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Und so kann Make-Up nicht nur zur Camouflage dienen, sondern genauso dazu eingesetzt werden, der Logik der Algorithmen zu entsprechen und so die eigene Sichtbarkeit zu steigern.
Die Gegenwart bietet also eine geradezu enzyklopädische Summe von Spielarten der Überformung des Gesichts: Was auch immer zu anderen Zeiten oder in unterschiedlichen Kulturen schon mal üblich war, ja was sich für ganz verschiedene Zwecke entwickelt hatte, kehrt unter Vorzeichen der Herrschaft Sozialer Medien wieder. Scrollt man etwa durch den Instagram-Account @fashion_for_bank_robbers, bekommt man eine Ahnung davon, mit welch vielfältigen Weisen der Gesichtsverfremdung heute operiert wird. Und solange kein Vermummungsverbot für den digitalen Raum verhängt wird, dürfte die Avatarisierung weiter zunehmen.
Ein Bewusstsein vom eigenen Bild zu haben führt aber zugleich dazu, dass Mimik und Gestik präziser werden. Auch diesbezüglich gibt es vermehrten Gestaltungsehrgeiz, zumal bei Leuten, die aktiv in den Sozialen Medien sind und gerne Videos von sich posten. Sie machen nämlich die Erfahrung, dass sie ihre Reichweite vergrößern können, wenn sie affektiv – mit übertrieben prägnanten, geradezu an Comics und Emojis geschulten Gesichtsausdrücken auftreten. Aufgerissene oder gerollte Augen, zu Schnuten verzogene oder weit geöffnete Münder, eine in Falten gelegte Stirn oder aufgeblasene Backen: das alles lässt es wahrscheinlicher werden, mit dem eigenen Content viral zu gehen.
Bot schon die Malerei in ihrer langen Geschichte immer dann überzeichnete Gesichtszüge, wenn mit ihr Geschichten erzählt oder Figuren klar charakterisiert werden sollten, da sie kompensieren musste, Gesprochenes nicht wiedergeben zu können, so verlangt die irre Konkurrenz in den Sozialen Medien – trotz Tonspur – umso mehr eine mimisch-gestische Verausgabung. Außerdem liegt auf Gesichtern nochmals mehr Aufmerksamkeit, seit mit TikTok sowie den Reels von Instagram erstmals das Hochformat zur Norm für Bildcontent geworden ist. Es ist, als seien die großen Plattformen nun vor allem dazu da, dass die User ihre Gesichter in die Kameras halten.
Dank der Sozialen Medien steht das Gesicht heutzutage also in historisch einmaliger Weise im Zentrum fast aller Diskurse. Mit ihm und auf ihm werden die großen Machtkämpfe um Überwachung und um Sichtbarkeit ausgetragen; Inhalte haben eine viel bessere Chance auf Verbreitung, wenn sie an Gesichter und eine jeweils starke Mimik gebunden sind; Authentizität und Mimikry, starke Gefühle und Finten werden gleichermaßen mit Gesichtern performt. Vermag man das Gesicht variabel und situationsbezogen in Szene zu setzen, ist man für eine derart „faciale Gesellschaft“ – so das neue Schlagwort – gut gerüstet. Ja, es gilt: Souverän ist, wer die eigene Mimik jederzeit im Griff, das Gesichtsbewusstsein maximal geschärft hat.
